„Alles ist Wunderland“: Ganz sicher kein Zufall, wenn sich der Theaterzuschauer am Mittwoch Abend vom Titel des Stückes an das fantastische Kinderbuch von Lewis Caroll erinnert fühlt.
Dabei erscheint das Geschehen auf der Bühne zunächst recht diesseitig: Da ist eine Schülerin, die sehr unter den an sie gestellten Erwartungen leidet. Ein Sportfest spielt eine Rolle, eine Schwester, mit der es Konflikte gibt, hilflose Eltern und eine Therapeutin.
Und dann geht die Reise los: Alice – an diesem Abend, der bereits vierten Vorstellung des Stückes, beeindruckend authentisch gespielt von Lina Schleifenbaum – erlebt plötzlich wunderliche Dinge: Wie im Vorbild spielt ein weißes Kaninchen eine Rolle, eine Grinsekatze tritt auf und schließlich schmeißt ein Hutmacher eine Teeparty, auf der es Törtchen gibt.

Die hatten schon sehr prominent Theaterplakat und Programmheft geziert – und so manchem im bis auf den letzten Platz besetzten Forum des Gymnasiums Netphen läuft spätestens hier das sprichwörtliche Wasser im Munde zusammen.
Die Törtchen allerdings sind gestohlen – und zwar von der Herzkönigin. Und das ist ein Problem, denn die Herzkönigin in diesem speziellen Wunderland ist eine hinterhältige, in ihren Anweisungen manchmal sogar etwas wirre Tyrannin – man fühlt sich fast an aktuelle Potentaten erinnert – , nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Doch eigentlich ist sie, wie sich später herausstellt, nur verbittert, weil ihre Eltern die ältere Schwester – die sich inzwischen als weiße Königin aus dem Reich zurückgezogen hat – immer bevorzugten.
Es schließlich nicht zuletzt Alice zu verdanken, dass die Schwestern am Ende wieder zueinander finden und ihren uralten Konflikt lösen können. Und das ist letztlich auch die Lösung für Alice selbst: Sie streift das Tüllkleid der Wunderwelt ab und schreitet gestärkt in ihr eigenen Leben zurück.

Es wird eine überwältigende, furiose Bilderwelt, die die Theater-AG der Unter- und Mittelstufe unter Leitung von Frau Goubeaud und Frau Gendolla im Rahmen des selbst geschriebenen Stückes auf die Bühne des Forums zaubert, kombiniert mit einer wirklich mitreißenden Spielfreude der Akteure. Einfach herrlich erscheint es, dem weißen Kaninchen zuzuschauen, das aufgeregt über die Bühne wuselt und wenn die fiese Herzkönigin Hof hält, fragt man sich unwillkürlich, welche Grausamkeit ihr als nächstes einfallen möge. Oft gibt es Szenenapplaus und das Publikum ist schließlich froh, dass die zahlreichen Enthauptungen, die sie anordnet, dann doch nicht vollzogen werden.
Flankiert wird die Opulenz durch ausgefeilte Licht- und Sound-Arrangements, mit denen die Technik AG der Schule einmal mehr ihr enormes Know-how gekonnt in den Dienst des Gesamtkunstwerkes stellt.
Am Ende gibt es Standing Ovations; unter tosendem Applaus bedanken sich die Macherinnen des Stückes bei allen Beteiligten. Schweren Herzens müssen sie am Ende fünf Schülerinnen der Klassen 10, die im nächsten Jahr in die Oberstufe wechseln, aus der Theaterarbeit verabschieden. Seit der fünften Klasse schon waren die fünf dabei; in ihren Dankesworten wird deutlich, wie wichtig ihnen die dabei gewonnenen Erlebnisse und Erfahrungen sind.
In einem sind sich aber alle einig: Der Nachwuchs ist da – die Theaterarbeit am Gymnasium Netphen wird weitergehen.